DAS GROSSE WELTTHEATER
Expressionismus und Neue Sachlichkeit
aus der Sammlung Karsch/Nierendorf Berlin
Barlach Museum Wedel
Ausstellung vom 19. Juni bis 23. Oktober 2011
(verlängert bis 20.11.2011)

Die Kunst der Moderne wurde von engagierten Kunsthändlern gefördert, die nicht selten auch als Verleger, Publizisten und Mäzene für die von ihnen vertretenen Künstler tätig waren. Als solche machten sich seit 1918 die Gebrüder Nierendorf einen Namen, die in Köln, Berlin und später in New York die Kunstszene entscheidend geprägt haben.

Die Galerie Nierendorf führen seit 1955 Florian und Inge Karsch. Eine exklusive Auswahl ihrer Sammlung präsentiert das Ernst Barlach Museum Wedel vom 19. Juni bis 23. Oktober 2011 in der Ausstellung DAS GROSSE WELTTHEATER.

Ernst Ludwig Kirchner, Mädchen auf violettem Sessel, Pastell 1910/11
In dem gleichnamigen Mysterienspiel des 17. Jahrhunderts von Pedro Calderón erschafft ein Meister archetypische Figuren als Abbild der Welt. Doch während die Protagonisten bei Calderón in einer Schöpfung auftreten, in der alles vorherbestimmt ist, wollen die Künstler der Moderne in bewusster Abgrenzung zur bestehenden Ordnung ihre Welt selbst gestalten.
Dies ist der große Konflikt, aber zugleich auch die Bühne, auf der das visionäre Theater der Expressionisten stattfindet. Sie schockieren mit grellen Farben, mit der Auflösung von Perspektiven und Formen und mit äußerst freizügigen Motiven. Sie sind von sich und der Sehnsucht nach einer neuen, einer besseren Welt getrieben. Sie malen und leben unkonventionell und anstößig. Sie sind Menschen mit nur einer Botschaft, der Botschaft ihrer Kunst. 
Emil Nolde, Meerlandschaft, Aquarell 1920
Der deutsche Expressionismus ist weniger durch ästhetische Stilmerkmale, als durch ein gemeinsames Weltbild verbunden, dessen Credo Umbruch und Wandlung lautet. Den engen und verkrusteten Moralvorstellungen des wilhelminischen Obrigkeitsstaates setzten die jungen Künstler ein den archaischen und ozeanischen Kulturen nachempfundenes freies Leben entgegen.

Der Rationalisierung durch die neuen Wissenschaften und der damit einhergehenden Industrialisierung der Gesellschaft begegnen sie mit radikalen Ideen über das Verhältnis von Natur, Mensch und Kosmos.
Die Veränderung der Welt und das Bild des neuen Menschen werden so kompromißlos gedacht, dass nur der Untergang des Alten sie hervorbringen kann. So wird auch der Ausbruch des 1. Weltkrieges als notwendiger Prozess der Reinigung interpretiert, als „Weltengewitter“, das aber bald nach 1914 sein wahres Gesicht enthüllt. Der Traum erstickt in 12 Millionen Toten. 
Christian Rohlfs, Blaue Kapelle, Wassertempera 1933
Empörung und Protest aber auch zunehmend politische Stellungnahme prägen die Kunst der 1920er Jahre. Die Leidenschaftlichkeit des Expressionismus wird abgelöst durch die nüchternen Darstellungen der „Neuen Sachlichkeit“. Die Abbildung der kalten, oftmals grausamen Wirklichkeit tritt jetzt in den Vordergrund. Die Künstler entwerfen „sachliche“ Figuren, die zwar Gefühle haben, diese aber entweder nicht artikulieren können oder nicht zeigen dürfen.

Josef Scharl, Pariser Straßenszene, Öl auf Leinen 1930
So entstehen Bilder, in denen die Wirklichkeit scheinbar objektiv dargestellt wird: Die Nachwirkungen des 1. Weltkrieges, die Industrie der Weimarer Republik‚ die Lebensweise der kleinen Bürger, Handwerker und Angestellten.
Die Künstler reagieren auf das mechanische Zeitalter, den technischen Fortschritt und zeigen Menschen, die mit der fortschreitenden Industrialisierung entweder im Einklang leben – oder an ihr zerbrechen.
Die Bildsprache der „Neuen Sachlichkeit“ steht dem Verstehen des Dargestellten nicht im Wege. Ohne Verkürzungen, ohne Verzerrungen, ohne Abstraktionen fordert sie die seelische und soziale Selbstverortung in der modernen Massengesellschaft. 
Otto Mueller, Fünf gelbe Akte am Wasser, Farblithographie 1921
Das GROSSE WELTTHEATER hat längst eine globale Dimension erreicht. Der notwendige Wandel des Menschen aber bleibt angesichts anhaltender Naturzerstörung, postkolonialer Kriege und einer möglichen atomaren Apokalypse auf der Tagesordnung

Ausstellung: 150 Werke des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit aus der Sammlung Karsch/ Nierendorf. Gezeigt werden Gemälde, Aquarelle, Druckgraphik, Zeichnungen und Plastik im Ernst Barlach Museum Wedel, dem Geburtshaus eines ihrer bedeutendsten Vertreter: Max Beckmann, Otto Dix, August Wilhelm Dressler, Conrad Felixmüller, Karl Hermann Haupt, Erich Heckel, Hannah Höch, Joachim Karsch, Ernst Ludwig Kirchner, Bernhard Klein, August Macke, Gerhard Marcks, Otto Mueller, Emil Nolde, Christian Rohlfs, Josef Scharl, Karl Schmidt-Rottluff und Georg Schrimpf. 
Karl Schmidt-Rottluff, Mädchen vorm Spiegel, Holzschnitt 1914
Das Rahmenprogramm
Freitag, 02. September, 20 Uhr
Wege zur Neuen Musik: Skrjabin und die Neue Wiener Schule
Klavier und Moderation: Hendrik Lücke
Der Musikwissenschaftler Hendrik Lücke ist ein musikalisches Multitalent. Er studierte Schauspiel und Gesang im Stimmfach Tenor, ist ausgebildeter Pianist und als Dozent in Hamburg tätig. Hendrick Lückes Erkundungen führen ins Herz des musikalischen Expressionismus. Er zeigt, was die Musiker und Komponisten zwischen 1900 und 1920 antreibt, wo sich ihre Wege kreuzen und wo sie auseinanderstreben. Der musikalische Expressionismus beschäftigt sich mit der Innerlichkeit des Menschen. Stilistisch ist insbesondere die vermehrte Verwendung von Dissonanzen auffällig. Tradierte musikalische Harmonievorstellungen und Gesetze verlieren an Geltung und es entstehen neue Klangfarben. Zu diesen gehören: extreme Tonlagen, dynamische Gegensätze, unruhige Melodielinien, freie Rhythmik und ungewohnte Instrumentalisierungen. Vorgestellt werden individuelle Wege zur Neuen Musik am Beispiel der Komponisten der sogenannten Neuen Wiener Schule, Schönberg, Webern und Berg, sowie der bahnbrechenden Neuerungen des Klangmystikers Alexander Skrjabin.
Eintritt: 10 € inkl. Eintritt in die Ausstellung. Karten sind an der Abendkasse erhältlich.
Samstag, 03. September 20 Uhr
Im Fokus: Expressionistische Prosa
Vortrag und Moderation: Ulrich Bubrowski
Schauspielerlesung
Ulrich Bubrowski, Literaturwissenschaftler, verantwortet die textkritische Neuausgabe des literarischen Werkes von Ernst Barlach. Sein Vortrag ist eine Expedition in die faszinierende Welt der expressionistischen Prosa. Heute sind die erzählerischen Leistungen der expressionistischen Bewegung längst anerkannt und es ist vor allem die experimentelle Haltung, die den Reiz dieser Literatur ausmachen und ihr Innovationspotential markieren. In den von Ulrich Bubrowski moderierten Texten von Alfred Döblin, Gottfried Benn, Carl Sternheim, Heinrich Mann, Raoul Hausmann, Paul Zech, Oskar Baum, Ludwig Rubiner, Max Herrmann-Neiße geht es um die Auflösung tradierter Orientierungssysteme, um Aufbruchsstimmung, Revolution und Zivilisationskritik.
Eintritt: 10 €, inkl. Eintritt in die Ausstellung. Karten sind an der Abendkasse erhältlich.
Sonntag, 04. September 12.30 Uhr
Im Fokus: Expressionistische Lyrik
Vortrag und Moderation: Jürgen Doppelstein
Schauspielerlesung
Jürgen Doppelstein, Kulturwissenschaftler, zahlreiche Publikationen und Projekte zur Kunst und Literatur des 20. Jahrhunderts. Sein Vortrag lotet die Tiefe der expressionistischen Lyrik aus und verdeutlicht ihren Kampf gegen Selbstgefälligkeit und blinden Fortschrittsglauben. Verbreitete Themen expressionistischer Gedichte sind Krieg, Weltuntergang, Ich-Verlust und die Ästhetisierung des Hässlichen. Die Expressionisten nutzen die literarische Form des Gedichtes für eine radikale Zivilisations- und Gesellschaftskritik. Dabei gerät immer wieder die Großstadt als überbordendes, menschenverschlingendes Babylon in den Focus, als Hort von Gottlosigkeit, Affektiertheit und Naturzerstörung. Wir hören Texte von: Johannes R. Becher, Gottfried Benn, Jakob van Hoddis, Georg Heym, Else Lasker-Schüler, Georg Trakl, August Stramm und Alfred Wolfenstein.
Eintritt: 10 € inkl. Eintritt in die Ausstellung Karten sind an der Abendkasse erhältlich.
Samstag, der 10. September 2011, 20 -1 Uhr Lange Nacht des expressionistischen Films
1.
Nosferatu
Regie: Friedrich Wilhelm Murnau, 1921, 98 Minuten
Erzählt wird die Geschichte des Grafen Orlok, eines Vampirs aus den Karpaten, der in Liebe zur schönen Ellen entbrennt und Schrecken über ihre Heimatstadt Wisborg bringt. „Nosferatu" gilt als einer der ersten Vertreter des Horrorfilms. Seine dämonische Hauptfigur und die traumartige Inszenierung gequälter Seelenzustände sind zugleich ein erschreckendes Portrait der Weimarer Republik.
2.
Metropolis
Regie: Fritz Lang, 1927, 118 Minuten
Während die Privilegierten von Metropolis in luxuriös eingerichteten Apartments in Wolkenkratzern wohnen und sich in herrlichen Gartenanlagen oder dem Amüsierviertel „Yoshiwara“ die Zeit vertreiben, schuften die Arbeiter unter der Erde. Sie halten die Maschinen am Laufen, die wie ein Herz in einem Organismus für das Funktionieren der Versorgungssysteme der gigantischen Stadt Metropolis notwendig sind. Der Industriemagnat Fredersen überwacht sie von seiner Schaltzentrale im „Turm Babel“ aus durch Spitzel und technische Anlagen. Die Gesellschaftsordnung von Metropolis lehnt sich an das Modell des Kapitalismus an: Es gibt zwei Klassen, die wenigen Besitzenden und die vielen, Besitzlosen und es ist faktisch unmöglich, von der unteren in die obere Klasse aufzusteigen.
3.
Das Cabinett des Dr. Caligari
Regie: Robert Wiene, 1921, 96 Minuten
Der Film erzählt die Geschichte des Dr. Caligari, der auf dem Jahrmarkt den Traumwandler Cesare ausstellt und hellsehen lässt. Zwei Freunde besuchen gemeinsam die Vorstellung und einer von ihnen wird in der darauf folgenden Nacht ermordet, nachdem ihm Cesare zuvor den Tod prophezeite. Nach mehreren Morden stellt sich Caligari als Wahnsinniger heraus, der die Prophezeiungen von Cesare wahr werden lässt, um aus ihnen Profit zu schlagen. Bereits 1947 zog in seiner Schrift „Von Caligari zu eine politische Parallele zwischen dem Filmstoff und dem aufkommenden. Caligari erscheint als eine der vielen Tyrannen-Figuren des Weimarer Kinos, an denen sich die Rollenumkehrung zwischen Genie und Wahnsinn ablesen lässt.
Eintritt: 10 € inkl. Eintritt in die Ausstellung. Karten sind an der Abendkasse erhältlich.
GO YOUNG: DAS GROSSE WELTTHEATER
Ein Projekt für Schüler und Jugendliche
GO YOUNG bietet ein differenziertes didaktisches Begleitprogramm für Schulen und Jugendgruppen an und lädt zum kreativen selbständigen Mitmachen ein. Ausgehend von den Werken der Ausstellung, ihrer historischen und gesellschaftlichen Bedeutung, wird in altersspezifischen Lehrpfaden der Thementransfer in die heutige Zeit vorbereitet. Die Jugendlichen arbeiten in der Ausstellung und darüber hinausgehend zu Fragestellungen wie: ICH und die WELT: Selbstverwirklichung - Fremdbestimmung; Verantwortung, Empathie, Eingreifen, Gestalten; Gegenwart und Zukunft, Angst und Hoffnung.
GO YOUNG ist ein unterrichtsbegleitendes Angebot für die Fächer Kunst, Deutsch, Geschichte, Philosophie, Religion und Gemeinschaftskunde. Anmeldung und Information telefonisch unter 04103. 918 291 oder per Email: kontakt@ernst-barlach.de
Informationen
ERNST BARLACH MUSEUM WEDEL
Mühlenstrasse 1, 22880 Wedel
Telefon: 04103-918291
Fax: 04103-97135
E-Mail: kontakt@ernst-barlach.de
homepage und barlachshop:
barlach blog: www.projects.ernst-barlach.de
facebook: Ernst Barlach Gesellschaft
ÖFFNUNGSZEITEN
Dienstag bis Sonntag 11-19 Uhr. Für angemeldete Gruppen und Schulklassen von 9 bis 19 Uhr geöffnet.
EINTRITT
6 €, ermäßigt für Schüler, Studenten und Auszubildende 5 €, Familienkarte 12 €. Gruppen ab 10 Personen: 5 € pro Person, ermäßigt 5 €. Happy-Hour-Ticket: 5 € jeweils 2 Std. vor Schließung nur für Individualbesucher.
WEDELER SCHULEN
Lehrerbegleitete Schülergruppen erhalten nach Anmeldung freien Eintritt.
GRUPPENFÜHRUNGEN
Für Gruppen bis max. 25 Personen 80 € zuzüglich zur Eintrittskarte. Selbstgeführte Gruppen werden gebeten, ihren Ausstellungsbesuch anzumelden. Es wird eine Selbstführergebühr erhoben.
VERKEHRSANBINDUNG/PARKEN
S-Bahn-Linie S1. Parkmöglichkeiten auch für Busse in naher Umgebung.
KATALOG
Zur Ausstellung erscheint eine Broschüre mit allen Ausstellungstexten für 6 €.
ÜBERNACHTUNGEN
Hotels und Pensionen unter: www.wedel.de
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